Angela Merici und die Ursulinen

Angela Merici, die Gründerin der Ursulinen, wurde zwischen 1470 und 1475 in Desenzano am Gardasee in Oberitalien geboren. In der Familie erhielt sie mit ihren Geschwistern eine zeitgemäße religiöse Erziehung, die ihr Leben prägte. Schmerzlich erlebte sie den Tod der Eltern und einer geliebten Schwester. Als junges Mädchen schloss sie sich dem Dritten Orden des heiligen Franziskus an, einer religiösen Gemeinschaft für Laien. Schon früh wollte sie ihr Leben ganz in den Dienst am Reich Gottes stellen. Doch reifte erst in mehreren Jahrzehnten, worin ihre eigentliche Aufgabe bestand: Angela sollte eine religiöse Gemeinschaft gründen, deren Mitglieder durch ein Leben im Geist des Evangeliums mitten unter den Menschen von der Güte und Barmherzigkeit Gottes Zeugnis geben und mithelfen wollen, die Not der Menschen zu lindern.

Angela Merici lebte zur Zeit der Renaissance und der Reformation, einer geschichtlichen Epoche, die durch starke Gegensätze gekennzeichnet war. Adel und angesehenes Bürgertum, aber auch die Würdenträger der Kirche führten ein verschwenderisches Leben und gaben Unsummen aus für Kunstwerke jeglicher Art, für humanistische Gelehrsamkeit und vor allem für die zahlreichen Kriege jener Zeit. Gleichzeitig lebte das einfache Volk in großer materieller und geistiger Armut, in Verelendung, Verwahrlosung der Sitten, in erschreckender Unbildung und Glaubenslosigkeit. Angela wurde mit dieser Not unmittelbar konfrontiert. So wurde es ihr ein immer drängenderes Bedürfnis zu helfen.

Angela Merici wurde zum geistlichen Mittelpunkt für Frauen und junge Mädchen, die wie sie bereit waren, sich der Not der Menschen, vor allem der Mädchen, anzunehmen. Am 25. November 1535 gründete sie mit 28 Gefährtinnen in Brescia die Compagnia die Sant’ Orsola - Gemeinschaft der heiligen Ursula. Die Mitglieder verpflichteten sich zu einem Leben im Geiste der evangelischen Räte Armut, Gehorsam und Ehelosigkeit um Christi willen. Sie lebten in ihren Familien gemäß der Regel, die Angela gemeinsam mit ihnen verfasst hatte. Ihr Bestreben war es, andere durch ihr Beispiel für den Glauben zu gewinnen und zum Guten zu ermutigen.

Angela Mericis neue Gemeinschaft fand großen Anklang, so dass die Zahl der Mitglieder schnell wuchs. Als Angela am 27. Januar 1540 starb, war die Gemeinschaft der heiligen Ursula im Begriff, sich über alle wichtigen Städte Norditaliens auszubreiten. Lehrerinnen nannte man die Ursulinen erstmals in Mailand, wohin Erzbischof Karl Borromäus sie hauptsächlich zur Erziehung und Unterweisung der verwahrlosten Jugend holte. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurden die Ursulinen in Frankreich auf eigenen Wunsch zu einem Orden. Aber auch innerhalb der Klostermauern wirkten sie zukunftsweisend an der Gestaltung der Bildung und Erziehung vor allem der Mädchen mit. Heute sind Ursulinen auch in anderen Bereichen tätig, doch ist es ein bleibendes Kennzeichen ihres apostolischen Dienstes, auf die Nöte der Zeit eine Antwort aus dem Evangelium zu geben.

Angela Mericis Samenkorn ist zu einem großen Baum geworden, dessen Zweige sich über die ganze Welt ausgebreitet haben. In allen Kontinenten leben heute Ursulinen, und nur in wenigen Ländern sind sie nicht vertreten. Trotz unterschiedlicher Lebensformen in Kongregationen, autonomen Klöstern oder Säkularinstituten wissen sich alle Ursulinen als große Familie dem Beispiel Angelas verpflichtet. Ihre Schriften, Regel, Ricordi (Gedenkworte) und Legati (Testament), sind bleibendes Vermächtnis und Richtschnur für das persönliche Leben und den apostolischen Dienst auch in unserer Zeit.

aus: Beten mit Angela Merici